TU Berlin

Center for Metropolitan StudiesMünnich, Nicole

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Nicole Münnich

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Dissertation

"Öffentlicher Stadtraum zwischen Herrschaftsanspruch und gesellschaftlichem Eigensinn. Urbanität im sozialistischen Belgrad der 1960er Jahre."

In den 1960er Jahren befand sich die jugoslawische Gesellschaft im Umbruch. Auf der einen Seite blieb Jugoslawien eine sozialistische Gesellschaft, in der die politische Macht von einer kleinen Gruppe ausgeübt wurde, die zum Machterhalt auf das Mittel der Repression zurückgriff. Auf der anderen Seite wurden auch neue Wege beschritten: In Jugoslawien herrschte ein graduell liberaleres Klima als in anderen sozialistischen Ländern. Dieses Ringen spiegelte sich zuerst und am eindrucksvollsten in Belgrad wider. Belgrad ist ein vielschichtiger Kontakt- und Verdichtungsraum im Spannungsfeld von Regional-, National- und europäischer Kultur und zugleich Aushandlungsort von und Spiegel der gesellschaftlichen Machtverhältnisse unter den spezifischen historischen Rahmenbedingungen einer sozialistischen Gesellschaft. In den 1960er Jahren war Belgrad die Hauptstadt nicht nur eines sozialistischen Landes, sondern darüber hinaus eines sozialistischen Landes, das einen „eigenen Weg zum Sozialismus“ propagierte und sich mit diesem Anspruch in den Zeiten des Kalten Krieges zwischen den beiden Blöcken positionieren und behaupten musste. Damit wurde Belgrad zum Zentrum des Aushandlungsprozesses zwischen sozialistischer Planung und westlichem Way of life.

Ziel der Arbeit ist es, die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse in der Stadt Belgrad zu analysieren und somit Rückschlüsse auf jene in Jugoslawien zu gewinnen. Dazu wird in der Arbeit nach dem Verhältnis zur Stadt gefragt. Zu klären ist dabei 1.) wie der Versuch der Partei aussah, die Stadt zu lenken und zu einer sozialistischen Metropole zu formen und 2.) wie die Stadtbewohner mit jenen Lenkungsversuchen, mit den Prozessen in „ihrer“ Stadt umgingen und welche Gegenentwürfe sie entwickelten.

Eine Stadt ist niemals kohärent und kann somit auch nicht „durchherrscht“ werden; auch wenn phasenweise ein totalisierender Anspruch aufscheint, so kann eine Stadt nicht nach Belieben umgekrempelt, nicht alles Beabsichtigte kann umgesetzt werden. Daher wird gefragt, wie hoch die Durchlässigkeit im Netz des politischen Systems war und inwieweit und wie sich Subjektivität im jugoslawischen Alltag entwickelt hat. Welche Zeichen von Subjektivität manifestierten sich im ideologischen Korsett und wie manifestierten sich diese in Belgrad als dessen räumlichem Konzentrat? Inwieweit versuchten die Belgrader, ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen Räume zu schaffen?

Der Begriff der Subjektivität bzw. der des Eigensinns ist ein zurückgenommener, nicht normativer Begriff, der hilfreich ist in der Analyse, wie weit Herrschaft in diktatorischen Systemen tatsächlich reichte, ohne dabei bipolar Herrschaft einerseits und Widerstand andererseits anzunehmen. Mit „Eigensinn“ als einem Moment kultureller Logik lassen sich beispielsweise Widersprüchlichkeiten und Mehrdeutigkeiten von Haltungen und Handlungen erklären.

Sowohl den Parteifunktionären als auch den Belgradern stellte sich die Stadt als amorpher, pulsierender Organismus dar, den es zu strukturieren galt, um einerseits politische Ziele verfolgen und andererseits den Alltag bewältigen zu können. Somit treffen verschiedenen Interessengruppen zusammen, die zum Teil unterschiedliche Bedürfnisse, daher unterschiedliche Herangehensweisen hatten und daraus resultierend unterschiedliche Räume innerhalb der Stadt schufen. In dieser Arbeit geht es darum zu erforschen, welche Räume sie produzierten, wie sie diese Räume gestalteten, und wo es Überschneidungen gab.

Raum wird dabei nicht verstanden als ein starres Gefäß, nicht als Kulisse des sozialen (Aus-) Handelns. Daher geht es auch nicht um eine Beschreibung der Stadt Belgrad auf der Ebene der Materialität. Raum konstituiert sich im Prozess des Anordnens von Menschen und sozialen Gütern, ist einer ständigen Neubestimmung unterworfen und entsteht in einem kontinuierlichen, wechselseitigen Dialog seiner Bewohner, die gleichzeitig seine Erschaffer sind. Dementsprechend wird in der Analyse der gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse in Belgrad Raum verstanden als „set of relationships“. Das Verständnis von Stadt als einem fortgesetzten Aushandlungsprozess bietet eine Herangehensweise, die nach den verschiedenen Räumen fragt, die innerhalb der Stadt entstehen, wo sie sich treffen und wo nicht, um so den gesellschaftlichen Wandel sichtbar zu machen, ohne zwischen den Polen Tradition und Moderne zu alternieren.

Lebenslauf

seit 10/2008
Sachbearbeiterin im Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas, verantwortlich für Drittmittelverwaltung, Betreuung in- und ausländischer Gastwissenschaftler und Stipendiaten, Organisation und Durchführung von Tagungen und Kolloquien.

2008
Projektassistenin im Team „Organization&IT“ in der Firma CORA IT (Berlin)
(Re-)Organisation und Dokumentation von firmeninternen Workflows

2005-2007
Doktorand - DFG-Fellow Transatlantisches Graduiertenkolleg Berlin – New York (Titel des Dissertationsvorhabens: „Sozialistische Planung und kultureller Eigensinn: Gesellschaftliche Aushandlungsprozesse im Belgrad der 1960er Jahren“)

2004
Magister Artium in Ost- und Südosteuropäischer Geschichte und Südslavistik (Note: 1,6) an der Universität Leipzig
Magisterarbeitsthema: „Umgang mit der Vergangenheit: Das Internierungslager Goli Otok in der jugoslawischen Literatur und Historiographie“

1995 bis 1997
Redaktionsvolontariat / Redakteurin u.a. in der Regionalzeitung „Frankenpost“

1995
Abitur am Diesterweg-Gymnasium Plauen

Publikationen, Vorträge etc.

PUBLIKATIONEN

Münnich, Nicole (forthcoming): Rezension zu: Nataša Mišković, Basare und Boulevards. Belgrad im 19. Jahrhundert. In: H-Soz-u-Kult, forthcoming

Münnich, Nicole (forthcoming): Ein ,Dritter Weg‘? Öffentliche Räume, Lebenswelten und Formen von Mitbestimmung im Belgrad der 1960er Jahre. In Thomas Bohn & Marie-Janine. Calic (Hgg.), Urbanisierung und Stadtentwicklung in Südosteuropa vom 19. bis zum 21. Jahrhundert. München 2008.

Münnich, Nicole (2007): Revisionism in Serbia (Tagungsbericht), 27.10.2007, Berlin. In: H-Soz-u-Kult: hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1794

„Das Grauen erzählen. Vergangenheitsdeutungen in literarischen und historiographischen Texten am Beispiel des jugoslawischen „Umerziehungslagers“ Goli Otok“ In: Martina Winkler & Alfrun Kliems (Hgg.): Narrativität in der Geschichtswissenschaft, Leipzig 2005.

„Jugoslavische literarische Geschichtskonzeption als Katalysator im gesellschaftlichen Umbruchsprozess. Die Goli Otok-Literatur nach dem Tode Titos“ In: Angela Richter & Barbara Beyer (Hgg.): Literatur und Geschichtskultur im Staatssozialismus: Jugoslavien und Bulgarien. Halle/Saale 2005.

„Titos tabuisiertes „Hawaii“. Zum Stand der Forschung über die jugoslawische Lagerinsel Goli Otok und zur Frage nach Aufarbeitung“ (forthcoming).

PRÄSENTATIONEN

Vortrag: „Ein ,Dritter Weg‘? Öffentliche Räume, Lebenswelten und Formen von Mitbestimmung im Belgrad der 1960er Jahre“; Internationale Hochschulwoche der Südosteuropa-Gesellschaft, Tutzing, Oktober 2008

Vortrag: „The “Yugoslav Dream” and the Transformation of Belgrade, 1955-1970“ (zusammen mit Brigitte Le Normand); European Social Science History Conference (ESSHC), Lisbon, 26 February – 1 March 2008; selbstorganisiertes Panel: „The Impact of Consumerism on Cities in Modernizing Countries“

Vortrag: „Sozialistische Stadtplanung und gesellschaftliche Wirklichkeit im Belgrad der 1960er Jahre“; 10. Werkstattgespräche zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR, Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS), Berlin, Januar 2008

Vortrag: „Vom Bauernmarkt zum Supermarkt und zurück: Konsumkultur im sozialistischen Belgrad zwischen Individualisierung, Emanzipation und modernisierungsskeptischem Eigensinn“; Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF), Potsdam, Dezember 2007

Chair Main Session: „The Socialist City – Concepts and Realities between Pragmatism and Utopianism“; Eighth International Conference on Urban History; Stockholm University, Schweden
Chair Session: „Appropriations of Public Space“; Internationales Symposium: „Symbolic Constructions of the City“, Center for Metropolitan Studies Berlin, Dezember 2005

Vortrag: „Ambiguous Urban Identity – Belgrade in the Socialist Era“; Urban Life and Culture in Southeastern Europe, 3rd Conference International Association For Southeast European Anthropology, Belgrad, Mai 2005

LEHRVERANSTALTUNGEN

„Die Stadt in Südosteuropa. Gesellschaftliche Erfahrung von Urbanisierung und Stadtentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert“; Universität Leipzig, Historisches Seminar, Sommersemester 2009

„Alltag im Sozialismus. Über das Rekonstruieren geschichtlicher Erfahrung in Südosteuropa“; Universität Leipzig, Historisches Seminar, Wintersemester 2007/08

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