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TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Leon Hempel / Thomas Markwart

SE Sozialökonomische Perspektiven von Exklusion und Inklusion seit dem Spätmittelalter

Modul 3: Öffentlicher Raum und Stadtkultur
Di 12-14 • ER 242 • Beginn: 21.10.2008

Seminarplan

Schrecklich mussten Niklas Luhmann die Ausgeschlossenen anmuten. Vehement sucht er in seiner Analyse der modernen funktional differenzierten Gesellschaften die Exkludierten in ein System einzuschließen, das Inklusion und Exklusion nur als Kategorien der Differenzierung von unterschiedlichen Funktionssystemen, als Grenze zwischen gesellschaftlichen Gruppen, Institutionen und Individuen erkennt. Jenseits der funktionalen Differenzierung, wo Unterschiede aufgehoben, vom allgemeinen Elend nivelliert sind, erscheint die Begrifflichkeit Luhmanns sowohl bestätigt wie herausgefordert. Luhmanns differenziertes gesellschaftliches Modell kollidiert mit seinem radikalen Gegenstück, einer anarchischen, undifferenzierten und vor allem nutzlosen Gemeinschaft.

Diesem Schreckensort will sich nun das Seminar widmen. Das analytische Beschreibungsmodell Luhmanns soll um eine sozialökonomische Perspektive erweitert werden, die nicht allein den Ausschluss von sozialer Teilhabe beschreibt, sondern einerseits nach den sozio-ökonomischen Bedingungen und andererseits nach dem sozialökonomischen Nutzen der Exkludierten fragt.

Zu diesem Zweck spannt das Seminar einen Bogen vom Spätmittelalter zur Gegenwart und verbindet die Geschichte der Exklusion mit der des Kapitalismus. Letzterer produziert die Grenze zwischen Ein- und Ausschluss, definiert eine Grenze, die nicht mehr jenseits gesellschaftlich Sichtbarem verläuft, wie einst in der Antike, sondern als gesellschaftlich konstitutiv erfahren wird. Die Ausgeschlossenen erscheinen im gesellschaftlichen Funktionssystem eingeschlossen, ohne teilzunehmen, ihr gesellschaftlicher Nutzen hat sich gleichsam von ihnen emanzipiert. Die neuzeitliche Stadt erweist sich als der Austragungsort eines Grenzkonflikts zwischen Inkludierten und Exkludierten, Eigentümern und Besitzlosen, der als historische Dynamik politisch zu entschärfen versucht wird und zugleich seine ökonomische Notwendigkeit erweist. Während aus sozialpolitischer Perspektive die Gruppe der Ausgeschlossenen, der Armen, Juden, Bettler, etc., das stabilisierte Gefüge der vor allem städtischen, im Spätmittelalter zünftigen, Gesellschaft als Unordnung, möglicher Umsturz bedroht, so gebraucht die sozialökonomische Perspektive den Begriff des „Nutzens“, um die Bedrohung zu domestizieren, die Ausgeschlossenen in ein Kalkül einzuschließen, das zuletzt die differenzierte Gesellschaft noch abzustützen hat. Vor allem der englische Utilitarismus um Jeremy Bentham und John Stuart Mill begründet eine Theorie, die den ökonomischen mit dem ethischen Nutzen zu verschmelzen sucht und zugleich unbewusst auf den Widerspruch weist, der zwischen dem Glück des EINZELNEN und dem gesellschaftlich-ökonomischen Nutzen klafft. Hier erfährt der Kapitalismus als ökonomische Technik seine ideologische Nobilitierung, gründet sich die Gemeinschaft von Kapitalismus und Demokratie. Selbst die sozialen Konflikte der Neuzeit zirkeln stets im definierten Rahmen von individuellem Glücksanspruch und gesellschaftlicher Funktion, und die postulierte klassenlose Gesellschaft verallgemeinert noch den Ort der Ausgestoßenen zur umfassenden Utopie, die den dauernden Konflikt von Glücksanspruch und funktionellem Nutzen aufzuheben hat.

Das Seminar will nun einerseits das soziologische Beschreibungsmodell von Inklusion und Exklusion auf seine Gültigkeit hin überprüfen, andererseits aber eine sozialökonomische Perspektive erproben. Es fragt, wie es dem mehrfach konnotierten Begriff des Nutzens gelingt, die sozialen Konflikte zwischen Exkludierten und Inkludierten zu bannen und darüber hinaus, wie die ethisch-ökonomische Perspektive des Kapitalismus die moderne Stadt formt – als Glücksverheißung wie als Ghetto. Es verbindet also Sozialökonomie und Geschichte am Thema der Stadt und versteht sich damit als Beitrag zu einer Theorie der historischen Urbanistik.

Im Seminar sollen vor allem sozial- und wirtschaftstheoretische Texte von u.a. Adam Smith, Thomas Malthus, Jeremy Bentham, John Stuart Mill, Karl Marx, John Maynard Keynes, John Kenneth Galbraith gelesen werden.

Zur vorbereitenden Lektüre:
Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997 (Auszug anzufordern unter hempel@ztg.tu-berlin.de)

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