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TU Berlin

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Exkursion nach Paris, Le Havre, Rouen | 21. bis 28. März 2010

www.kutzscherphotography.blogspot.com
Lupe

Vom 21. bis 28. März 2010 führte eine Exkursion die Erstsemester des Master-Studienganges Historische Urbanistik nach Paris, Rouen und Le Havre. Veranstaltet von Prof. Dr. Georg Wagner-Kyora vom Center for Metropolitan Studies an der Fakultät I und von Prof. Dr. Mechtild Gilzmer vom Institut für Französische Philologie vertieften die 28 studentischen Teilnehmer/innen ihre bereits im Wintersemester 2009/10 gewonnenen Arbeitsergebnisse aus einem Kooperationsseminar. Das Ziel bestand in der Verknüpfung von Diskurs- und Stadtgeschichte, also der Analyse der in Bau-Denkmälern und Wiederaufbauten eingeschriebenen Narrativen. Thema waren zum einen die Denkmäler der nationalen Erinnerungskultur in Paris, vor allem an die Shoa und den Zweiten Weltkrieg, und zum anderen der Wiederaufbau in den stark kriegszerstörten Städten Rouen und Le Havre. Darüber hinaus wurden diachrone Arbeitsschritte integriert, also zeitlich weit auseinander liegende Bereiche der frühneuzeitlichen, der mittelalterlichen und auch der antiken Stadtgeschichte von Paris, um das geschichtswissenschaftliche Anforderungsprofil des master-Studienganges für die Diachronie der Europäischen Stadtgeschichte im Besuchsprogramm vor Ort auszuschöpfen.

Ob die Basilika in Saint Denis, die archäologische Krypta auf der Ile de la Cité, das Mémorial für die Opfer der Shoa, der Friedhof Père-Lachaise oder das nationale Migrationsmuseum, alle diese Orte sind Ausdruck und Zeugnis der Stadtgeschichte, des historischen Wandels aber auch der Inszenierung politischer Macht. Sie enthalten immer auch eine Interpretation der Vergangenheit. Diese zentralen „Erinnerungsorte" der nationalgeschichtlichen Erinnerungskultur wurden den TeilnehmerInnen anhand von Kurzreferaten und Führungen durch qualifizierte Referenten nahe gebracht. Durch die Betrachtung in vergleichender Perspektive wurde die Erkenntnis befördert, dass es sich oft auch um eine „geteilte", transnationale Erinnerung handelt, die jedoch lange nur als eine ungeteilte, nationale Er wahrgenommen und interpretiert wurden: die Statue von Charlemagne respektive Karl dem Großen auf dem Platz vor der Kirche Notre Dame, liefert ein solches Beispiel. Die interkulturelle bzw. transkulturelle Betrachtung wurde in der Begegnung mit den Studierenden der Partneruniversität Rouen vertieft und dadurch auch der unmittelbare persönliche Kontakt und intellektuelle Austausch mit französischen Fachwissenschaftlerinnen und Studierenden gefördert.

Das sehr umfangreiche Programm wurde mit großem Engagement seitens der Studierenden absolviert und die Inhalte wurden von diesen selbst oder aber von unseren luziden französischen Kooperationspartner/innen auf wissenschaftlichem Niveau reflektiert. Dabei kamen vor allem auch die einschlägigen Repräsentationsbauten und ihre Bedeutung als architektonischer Ausdruck ihrer jeweiligen Entstehungszeit nicht zu kurz: der Louvre, das Musée d'Orsay und das Centre Pompidou beispielsweise. Ihr Besuch bot gleichzeitig die Möglichkeit für ausgesprochen interessante Ausstellungbesuche: Renaissance- und Barock-Kunst im Louvre, Meisterwerke des 19. Jahrhunderts im Musée d'Orsay und schließlich eine avantgardistische Zusammenstellung zeitgenössischer „Kunst von Frauen" im Centre Pompidou.Die Exkursion begann mit einer Gruppenführung im noch weitgehend unbekannten, erst jüngst eingerichteten Museum für Kolonialgeschichte in Paris. Situiert in einem Gebäude, das 1931 für die internationale Kolonialausstellung errichtet worden war, am südöstlichen Innenstadtrand, der Porte Doré, zeigt die Außenfront des monumentalen Repräsentationsgebäudes ein überdimensionales Relief der Früchte des Kolonialregimes aus der Perspektive der Eroberer des frühen 20. Jahrhunderts. Auch der innere große Versammlungs- und Ausstellungssaal atmet mitsamt monumentaler allegorischer Fresken einen ungestümen kolonialen Ordnungswillen. Völlig im Gegensatz dazu ist die nach modernsten museumspädagogischen und visuellen Gesichtspunkten organisierte Ausstellung zur Einwanderung nach Frankreich positioniert. Einwanderung wird darin als ein multikultureller Begegnungsraum von Einzelschicksalen dargestellt, dessen Potenziale in politischen Konflikten und kulturellen Lagen der Arbeits- und der Alltagswelt aufgelistet werden.

Die Besichtigung der Kathedrale St. Denis, im gleichnamigen nördlich benachbarten Vorort gelegen, erschloss die nationale Bautradition der Gotik als eine Symbiose von Königsideologie und neuer Lichtarchitektur. Hierzu bildete die daran anschließende Besichtigung des Pariser Staats-, Prominenten- und Alltagsfriedhofes Père Lachaise einen diachronen Kontrapunkt. An den Gräbern der großen französischen Kommunisten des 20. Jahrhunderts und der sich an diese Reihe anschließenden Grab- und Erinnerungsdenkmäler für Widerstandsoperationen und für die Opfer in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager zeigte Prof. Gilzmer die symbolische Verortung des Gedenkens an Widerstand, Verfolgung und NS-Morden in eine revolutionär-klassenkämpferische nationale Erinnerungstradition Frankreichs. Unmittelbar gegenüber der „Mauer der Föderierten" gelegen, der Erschießungsmauer der gefangenen Aufständischen aus der Pariser Commune von 1871, wurde hier unmittelbar nach Kriegsende bereits an die toten Deportierten der KZ erinnert, ohne jedoch dabei die jüdischen Opfer der Shoah explizit zu erwähnen. Eine eigenständige jüdische Erinnerung an die Shoah entwickelte sich hier kaum.

Am dritten Exkursionstag begann Gerard Gabert, der Partner der Veranstalter von Seiten des Deutsch-Französischen Jugendwerkes in Paris, mit einer Einführung zum Gedächtnis an Widerstand und Shoah auf der Ile de la Cité, der zentralen Seine-Insel und dem topographischen Herzen von Paris. Dort am äußeren östlichen Punkt befindet sich bereits seit Anfang der 1960er Jahre das nationale Denkmal an die Deportierten - wobei auch hier bis in die 90er Jahre das Gedächtnis an die politisch verfolgten Deportierten im Vordergrund stand. Als eine besonders geglückte räumliche Denkmalkonzeption ist der Verzicht auf pathetische Symbole, die Wahl für die unterirdische Einbettung des Mémorial zu bewerten. Anschließend führte Gabert durch die „Crypte archéologique du parvis Notre-Dame", auf ihrem Vorplatz im Untergrund, wo sich die ursprünglichen Reste des antiken Lutetia zusammen mit einer Vielzahl mittelalterlicher archäologischer Mauern und Hafeneinfriedungen befinden. Er übernahm als Cicerone dann auch eine ausführliche Begehung der noch überkommenen Alltagsbebauung auf der Ile de la Cité sowie eine Führung durch einige Straßen des nördlich anschließende Marais, die am selben Abend auf das gesamte Stadtviertel ausgedehnt werden konnte. Ebenfalls im Marais liegt das Mémorial de la Shoah, ein unterirdischer „Andachts- und Feierraum" der 1950er Jahre, der erst in den vergangenen Jahren durch ein weiträumiges Museumszentrum erweitert wurde sowie durch eine beeindruckende Mauer der Erinnerung an die namentlich feststellbaren ermordeten französischen Juden in der Zeit zwischen 1940 und 1944, etwa 80.000 Personen.

Der Folgetag erschloss die nationale Kriegserinnerung. Ausgehend vom Arc de Triomphe und seiner beeindruckenden Fernsicht auf das grau-weiße Pariser Stadtbild, besichtigte die Gruppe das westlich anschließende moderne Repräsentationszentrum La Défense mit der gleichnamigen monumentalen Grand-Arche, dem quadratischen Fenster-Bau Otto von Spreckelsens, der als Abschluss der Königs-Sichtachse im Pariser Stadtbild positioniert wurde. Das Hochhaus- und Agora-Areal ist ein Geschäftszentrum des Finanzmarktes, dessen namensgebender Ursprung (= die Verteidigung) in einem Kriegsdenkmal in Erinnerung an die zeitweilige Abwehr deutscher Truppen 1871 liegt. Dieses Denkmal wurde nach einigem Suchen inmitten einer zentralen vierspurigen Basement-Autobahn gefunden und in seiner martialischen Ikonographie als eine Besonderheit der französischen Marianne-/Paris-Denkmaldarstellung beschrieben.

Höhepunkt war allerdings die Besichtigung der Denkmalanlage auf dem benachbarten Mont Valerien, des westlich gelegenen Festungsberges von Paris. Hier befindet sich eine Erinnerungslandschaft, bestehend aus einem überdimensionalen lothringischen Kreuz und einer monumentalen Skulpturengruppe, die die Verherrlichung des nationalen Widerstandes der Franzosen gegen die deutsche Besatzung 1940-44 zum Gegenstand hat. Gleichzeitig zeigte sich bei der beeindruckenden Begehung des Geländes, dass dieser Ort Originalschauplatz der Hinrichtung von rund eintausend Widerständlern gewesen war, an die erst seit kurzem erinnert wird.

Der Folgetag führte die Gruppe per Bahn nach Rouen, der nördlichen Departement-Hauptstadt der Oberen Normandie. In Altstadtführungen wurden die Fixpunkte der Wideraufbaukonzeption des Innenstadt-Neubaus begangen. Zu den Besonderheiten in Rouen zählt ein besonders teurer, detailorientierter Neubau von Geschäfts- und Wohnhäusern, der auch Elemente der Raumwirkung von Haussmann-Bauten aufweist. Gleichzeitig wurde ein monumentaler Archivturm am linksseitigen Seine-Ufer als Kontrapunkt der weltberühmten Kathedral-Türme errichtet. Schließlich konnte erstmals der zentrale Festsaal im Handelskammer-Neubau besichtigt werden, der in seiner Raumwirkung, auch ikonographisch und kunsthandwerklich, als einer der interessantesten Repräsentationsräume der 1950er Jahre in Frankreich gelten kann.
Am Nachmittag erfolgte die Begegnung mit unserer französischen Partner-Universität Rouen im modernen Gebäude der Literatur- und sozialwissenschaftlichen Fakultät auf dem stadtabseitigen Campus. Vorträge von Dr. Corinne Bouillot zur Bombenkriegserinnerung in Rouen seit 1940 bis 2009 und von Prof. Dr. Odette Louiset zur Stadtmorphologie als neuer kulturwissenschaftlicher Methode der Stadtforschung am Beispiel indischer Erinnerungs- und Erbekultur setzten die zentralen französischen wissenschaftlichen Schwerpunkte der Exkursion. (Ein anschließender „Gourmand Normand" mit Apfeltorte, Cidre und Camembert sorgte für einen kulinarischen Höhepunkt.)

Der Folgetag in Paris widmete sich den stadträumlichen und soziokulturellen Erweiterungen des Innenstadt-Umfeldes durch das Centre Pompidou sowie der Museumskultur des Louvre, der durch die Pei-Pyramide eine erhebliche Aufwertung erfuhr.
Am vorletzten Tag fuhr die Gruppe erneut per Bahn gen Norden, an die Seinemündung nach Le Havre, um dort den Nachkriegs-Wiederaufbau der gesamten, total zerstörten Stadt zu begehen. Der französische Star-Architekt der 1920er und 1930er Jahre, Auguste Perret, hatte diesen Wiederaufbau zwischen 1944 und 1954 durch eine Masterplan ausgeführt. Seine beeindruckende Konzeption wurde 2005 durch die Aufnahme in die Weltkulturerbeliste gewürdigt. Seitdem finden auch in Le Havre verstärkt Stadtführungen zum lokalen Wiederaufbau statt. Wir hatten das Glück, eine dreistündige Führung, beginnend mit dem „appartement temoins", einer denkmalgerecht wiederhergestellte Innenraum-Musealisierung, an den zentralen Repräsentationspunkten des Stadtgebietes durch eine besonders engagierte Expertin, Frau Loeber, zu bekommen. Sowohl das monumentale Kriegsdenkmal als auch der gegenüber liegende avantgardistische Kulturzentrumsbereich des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer sowie vor allem die Kathedrale St. Joseph mit ihrem monumentalen Betonturm und die Porte Ocean, eine Wohnhochhausanlage, die eher an den Strausberger Platz als an eine französische Hafenarchitektur erinnerte, schufen prägende Eindrücke einer vitalen europäischen Wiederaufbaustadt.

Abschließend wurden beide Themenbereiche der Exkursion, die nationale Denkmalkultur und der Wiederaufbau, in einem Kaffeehausgespräch am Rande des Musée d´Orsay gebündelt, wobei die beobachtete Veränderung in der Denkmalgestaltung und -nutzung auf der einen Seite und die spezifische Entwicklung der Formensprache der Architekturen auf der anderen Seite jeweils mit den unterschiedlichen Potenzialen der zentral gelenkten Stadtplanung und der besonders konflikthaltigen politischen Konsensbildung des nationalen Gedächtnisses erklärt wurden.
Ende März 2011 soll eine Wiederauflage dieser besonders geglückten obligatorischen Exkursion im Master-Studiengang Historische Urbanistik, die ganz entscheidend vom exzellenten Engagement der Teilnehmer/innen profitierte, mit gleicher Themenstellung auch den neuen Master-Jahrgang im Wintersemster 2010/11 an diese Erinnerungsorte Frankreichs führen, nach Möglichkeit erneut unter Leitung der beiden Veranstalter.

Exkursionsbericht als PDF zum herunterladen.
Mechtild Gilzmer/ Georg Wagner-Kyora

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